600 Wörter / 3 Min

Was ist das für 1 location!

Was passiert wenn ein Zufallsgenerator das Urlaubsziel aussucht?

Und was passiert, wenn man dann gar nicht in echt hinfährt, sondern nur mit Google StreetView?

Unser Autor hat es ausprobiert, landete im tiefsten Dixieland, und war ganz froh, nur vor dem Bildschirm zu sitzen.

Text Ole Pflüger

3. Juli 2017

Hooray!

Alabama also. StreetView spuckt mich aus in Union Grove auf der Rockvale Road, nur ein paar hundert Meter entfernt vom Heart of Dixie Highway. Hooray! Union Grove hat 79 Einwohner, und ein Viertel davon ist über 65 Jahre alt. Das Einkommen von Frauen liegt 40 Prozent unter dem von Männern. Vor 17 Jahren lebten hier noch ein Indianer und ein Asiate, heute sind nur noch Weiße übrig.

Briefkästen

Einerseits möchte man hier nicht tot überm Zaun hängen, andererseits gibt es sowieso keine Zäune. Die Briefkästen stehen in Autofensterhöhe an der Straße. Wenn der Postbote Post einwirft, muss er nicht mal aussteigen. Alle Briefkästen hängen auf der rechten Straßenseite, selbst wenn die Häuser dazu links stehen. Es gibt Briefkästen ohne Einfahrten und Einfahrten ohne Briefkästen. Häuser ohne Einfahrten gibt es natürlich nicht, obwohl die meisten Autos so aussehen, als hätten sie Straßen nicht nötig. Die Garagentore sind so breit wie zwei Autos und manchmal stehen noch zwei davor.

Where have all the colors gone?

Menschen hat Google kaum fotografiert, und wenn, dann sitzen sie hinterm Steuer. Man könnte diesen Ort für gottverlassen halten, aber wahrscheinlich hat Gott hier erst gar nicht hergefunden. Selbst Google, konzerngewordene Suchmaschine mit klaren Gottambitionen, findet den Abzweig nicht mehr. Zum letzten Mal bog ein StreetView-Fahrer vor neun Jahren in die Rockvale Road. Auf den Bildern, die seine Dachkamera schoss, sieht es aus, als hätte er damals die Farben gleich mitgenommen, um das Firmenlogo zu färben. Für das G das Blau vom Himmel, für das L das Grün der Wiesen, Rot und Gelb muss Google woanders eingesammelt haben. Die Farben sind nicht das Einzige, was Union Grove verloren hat. Am 1. Oktober 2009 schloss das Seniorenzentrum, weil Geld fehlte. Im April 2011 zerstörte ein Tornado mehrere Häuser. Im Dezember 2015 wurde ein Mann verhaftet, weil er in einer Erdhöhle hinterm Haus Crystal Meth kochte. Immerhin: Am 15. November 2010 eröffnete Wayne Heintschel einen Lebensmittelladen neben der Grundschule.

The forgotten men

Marshall County, AL

2000: Bush 61,4%, Gore 37,1%
2004: Bush 72,3%, Kerry 26,8%
2008: McCain 77,6%, Obama 21,2%
2012: Romney 79,4%, Obama 19,3%
2016: Trump 83,6%, Clinton 14,1%

Keine Wahl in Union Grove

Am 22. August 2016 wurde in Union Grove nicht gewählt. Das klingt nicht besonders erstaunlich. Auch in Hinterzarten, Donji Milanovac und sonst wo auf der Welt wurde am 22. August 2016 nicht gewählt. Die Sache ist aber: In Union Grove, Alabama, hätte an diesem Tag gewählt werden sollen. Aber daraus wurde nichts, denn es fehlte an Kandidaten. Die Zeitung aus der Nachbarstadt Arab hat den Sachverhalt in drei unterkühlten Sätzen zusammengefasst: »There was no municipal election in Union Grove yesterday. That’s because the mayor and town council were all unopposed. No one qualified in the election – except the incumbents, and they all waited to the last day to see if anyone else would qualify.«

Und eigentlich ist das schon kein Journalismus mehr, sondern Lyrik: Eine Ballade über das Verdorren einer Demokratie, die keiner mehr pflegen will. Es gab keine Wahl in Union Grove, weil es keine Wahl gab.

No election in Union Grove

There was no municipal election in Union Grove yesterday

That’s because

the mayor and town council

were all unopposed

No one qualified in the election – except the incumbents,

and they all waited to the last day to see

if anyone else

would qualify.

The Arab Tribune, 23.8.2016

Von manchen Dörfern in Bayern heißt es ja, solange nur CSU draufstünde, würden sie dort auch einen Sack Kartoffeln wählen.

In Union Grove würde so ein Sack gar nicht erst antreten.

Okay, der Vorspann war gelogen. Eigentlich würde Ole Pflüger schon ganz gern mal vorbeischauen bei Wayne Heintschel oder in der verlassenen Methhöle. Andererseits ist »Unser Autor« ist ja sowieso eine Kunstfigur.