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Bauhaus-
Tasse
Spüllappen
Café
Gürtel
Museum
Stadt
Restaurant
Geht’s noch?

Im kunst- und architekturgeschichtlichen Kontext gibt es keinen vergleichbaren Fall von Vergangenheitsverherrlichung wie beim Bauhaus. Zum 100-jährigen Jubiläum wird alles nur noch schlimmer.

Essay Eyke Weiß

3. Juli 2017

Nahe der Bauhaus-Universität in Weimar parkte neulich ein Auto. Eine Familie auf Sonntagsausflug stieg aus. Ihre Blicke schweiften umher, sie fielen auf das Hauptgebäude und der Vater sagte: »Das sieht hier aber nicht so nach Bauhaus aus…«.

Was hatte der Mann auch erwartet? Das Einzige, was dort heute noch Bauhaus ist, ist der Name der Universität. Die Hochschule Staatliches Bauhaus wurde 1933 aufgelöst, und die Gebäude in Weimar bestanden bereits seit einigen Jahren, als Walter Gropius das Bauhaus im Jahr 1919 darin gründete. Das Bauhaus war eine Hochschule für angewandte Künste und Design, später auch für Architektur. Erstmals wurden Studierende dort zugleich künstlerisch und handwerklich ausgebildet. Die Bauhäusler teilten die Bereitschaft, sich radikal der Zukunft zuzuwenden, ohne Furcht davor, mit der Vergangenheit zu brechen, und sie pflegten eine produktive Streitkultur. Bauhaus war kein Stil, Bauhaus war eine Geisteshaltung.

Auf den sogenannten Bauhaus-Spaziergängen soll diese Zeit Touristen nahegebracht werden: Studierende führen sie durch die Uni-Gebäude, die das Bauhaus bis zu seinem Umzug nach Dessau 1925 nutzte. Hin und wieder hört man bei diesen Spaziergängen auch jene Frage, die bereits mehrfach zu Rechtsstreitigkeiten führte: »Was hat das hier jetzt alles mit dem Baumarkt zu tun?« Man könnte denken, dass angesichts eines weltweiten Bauhaus-Hypes der Unterschied inzwischen bekannt ist, aber anscheinend gibt es Ausnahmen.

Zum Bauhaus und zurück

Die Bauhaus-Universität Weimar und wie sie zu ihrem Namen kam:

1860: Gründung der Großherzoglichen Kunsthochschule zu Weimar

1919: Gründung des Bauhauses als Vereinigung der Kunsthochschule und Kunstgewerbeschule

1925: Umzug des Bauhauses nach Dessau

1925-1996: Weiterführung einer Hochschule in Weimar unter diversen Namen und politischen Systemen

1996: Umbenennung in Bauhaus-Universität Weimar, 71 Jahre nach dem Weggang des Bauhauses

Nun rückt das Gründungsjubiläum im Jahr 2019 näher und bringt einen Geldsegen über alles, was mit dem Bauhaus zusammenhängt – oder wenigstens so tut: Die Frequenz der Stellenanzeigen mit Bauhaus-Bezug ist schlagartig angestiegen. Zur Koordination des Jubiläums wurde der Bauhaus Verbund 2019 gegründet und mit 3,7 Millionen Euro ausgestattet. Die Kulturstiftung des Bundes stellt zusätzlich 16,5 Millionen Euro zur Verfügung. Jeder Projektförderantragörderantrag wird zu einem Wettbewerb darüber, wie oft man das Wort Bauhaus darin unterbringen kann. Für weitere 100 Millionen Euro werden zeitgleich drei (!) Bauhaus-Museen gebaut, schließlich will keine der Bauhaus-Städte (Weimar, Dessau und Berlin) hinter der Konkurrenz zurückstehen. Bei so dicken Spendierhosen muss das Bauhaus ja schon etwas Besonderes gewesen sein. Aber merkt denn niemand, dass es längst zum Klischee erstarrt ist?

Zu seiner Zeit beherbergte das Bauhaus eine der emsigsten Ideenschmieden für Gestaltung. Heute gilt Bauhaus als irgendwas mit Kuben, wenn es um Architektur geht, es ist ein Werbeetikett, wenn es ums Geld geht, und auch sonst ein ganzer Baumarkt voller Missverständnisse.

Missverständnisse

Was das Bauhaus war:

– eine Bildungseinrichtung mit innovativem Lehrkonzept

– eine Verbindung aus Praxis und Theorie der Künste

– eine Bewegung zum ganzheitlichen Denken

– die Vereinigung von Kunst, Handwerk und später auch der Industrie

– ein inhomogener Haufen freigeistiger Menschen

– streitlustig, kritisch, politisch

Was das Bauhaus nicht war:

– ein Stil

– ein Architekturbüro

– ein Kunstgenre

– ein Dogma in Weiß

– ein Einzelphänomen

– ein Baumarkt

Bauhaus hier, Bauhaus dort, Bauhaus überall. Jedes Designprodukt, das einst am Bauhaus entworfen wurde, wird heute als Statussymbol verehrt, wie teuer und funktions(un)tüchtig es auch sein mag. Die Bauhaus-Leuchte ist der Porsche für den Nachttisch.

Gleichzeitig hat man die Trias aus gelbem Dreieck, rotem Quadrat und blauem Kreis zu Bauhaus-Erkennungszeichen hochstilisiert, die sich ebenfalls hervorragend verkaufen. Allerlei Produkte fluten den Markt, die sich auf zweifelhafte Weise auf das Bauhaus beziehen und – plakativer könnte es nicht sein – diese Formen- und Farbsymbolik verwenden.

2015 entwarf eine Studentin an der Bauhaus-Universität Porzellan-Espressobecher, die an Automaten-Plastikbecher erinnern. Was sollen die bitteschön mit dem Bauhaus-Gedanken zu tun haben? Ach, richtig: Sie sind innen rot, blau und gelb glasiert und in Dreieckquadratkreis-Kartons verpackt. Selbst ein Designer von Gürteln, die ungestalter nicht sein könnten, versucht mit Dreieckquadratkreis-Schnallen den Bezug zum Bauhaus herzustellen.

Dreieckquadratkreis-Wischlappen, die mit ihrer Form-Farb-Zuordnung auf verschiedene Putz-Einsatzgebiete verweisen, sind ja wenigstens noch witzig. Doch die meisten Versuche, das Bauhaus auf diese Art auszunutzen, sind mindestens oberflächlich, oft schon eher peinlich. Selbst beim Architekturwettbewerb für das Weimarer Bauhaus-Museum tauchten einige Vorschläge auf, einen Dreieckquadratkreis-Neubau zu errichten.

Synästhesie

Wie der Kreis, das Quadrat und Dreieck zu ihren Farben kamen:

Als Meister der Klasse für Wandmalerei interessierte Wassily Kandinsky sich für die synästhetische Wahrnehmung von Formen und Farben. Er rief mit einem Flugblatt zu einer Umfrage auf:

»Die Werkstatt für Wandmalerei im Staatlichen Bauhaus Weimar bittet zu experimentellen Zwecken der Werkstatt um Beantwortung der folgenden Fragen.

1. Die 3 aufgezeichneten Formen in 3 Farben auszufüllen – gelb, rot und blau – und zwar so, daß eine Form von einer Farbe vollständig ausgefüllt wird.

2. Wenn möglich eine Begründung dieser Verteilung zu geben.«

Die Mehrheit entschied sich dafür, die Zuordnung so vorzunehmen, wie sie auf dem Fragebogen bereits durch die Reihenfolge der Formen nahegelegt wurde: gelbes Dreieck, rotes Quadrat und blauer Kreis. Auch Johannes Itten, der für den Vorkurs zuständig war, teilte diese Meinung. Einzig Oskar Schlemmer hätte das Rot dem Kreis zugeordnet mit der Begründung, dass schließlich im Weinglas auch ein roter Kreis übrigbliebe.

Ursprünglich waren die drei Primärfarben und -formen nicht als Bauhaus-Erkennungszeichen gedacht, sondern entwickelten sich erst später dazu.

Was steckt nur hinter der Bauhaus-Begeisterung? Geht es um wirtschaftliche Interessen oder doch noch um Inhalte? Suchen die Menschen nach einer Bauhaus-Anleitung für ihr maximal modernes Eigenheim? Wofür dient das Bauhaus bloß als Projektionsfläche? Und warum ausgerechnet das Bauhaus? Im kunst- und architekturgeschichtlichen Kontext gibt es keinen vergleichbaren Fall der Vergangenheitsverherrlichung, gar massenhaften Anbetung, durchtränkt mit so viel Halbwissen: Nicht alles, was aus den 20er Jahren stammt und kubisch oder weiß aussieht, ist dem Bauhaus zuzuschreiben. Und lange nicht alles, was Bauhäusler gestaltet haben, sieht so aus. Im Gegenteil: andernorts wurden bereits Architekturikonen des Internationalen Stils gebaut, während man am Bauhaus noch dem Expressionismus frönte.

Bauhaus-Wahn

Gibt es ein Wort, vor das man Bauhaus nicht als Vorsilbe hängen könnte?

(Alle Beispiele existieren wirklich. Wichtig: der Bindestrich, sonst gibt es keinen Werbeeffekt, sondern eine Markenrechtsklage)

Bauhaus-

Wortart: ℹ Präfix

RECHTSCHREIBUNG ℹ

Worttrennung: Bau|haus-

BEDEUTUNGSÜBERSICHT ℹ

kennzeichnet in Bildungen mit Substantiven etwas als unfehlbar und zeitlos

erzeugt in Bildungen mit Gebäuden eine Erwartungshaltung auf weiße, kubische Architektur

legitimiert in Bildungen mit Produkten die ansonsten unerklärliche Verwendung der Formen Kreis, Quadrat und Dreieck sowie/ oder der Farben Blau, Rot und Gelb

Bauhaus-Universität

Bauhaus-Atelier

Bauhaus-Journal

Bauhaus-Magazin

Bauhaus-Archiv

Bauhaus-Museum 1, 2, 3

Bauhaus-Stadt

Bauhaus-Bleistift

Bauhaus-Tasche

Bauhaus-Becher

Bauhaus-Typographie

Bauhaus-Gürtel

Bauhaus-Spüllappen

Bauhaus-Pigmente

Bauhaus-Weihnachtsbaumschmuck

Bauhaus-Café

Bauhaus-Restaurant

Bauhaus- ...

es fehlt nur noch das Bauhaus-Brauhaus.

Wer sich ständig auf das Bauhaus von vor 100 Jahren beruft, verrät in Wahrheit dessen Ideale, Radikalität und seine Offenheit. Die Kulturbranche versteckt sich hinter der Vergangenheit, um sich nicht mit den Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft auseinandersetzen zu müssen. Selbst die wenigen Versuche, Fragestellungen des Bauhauses ins Heute zu transportieren, kommen kaum über eine Kommentierung des Historischen hinaus.

In diesem Sinne: Lasst Gnade walten mit dem mit dem Bauhaus! Hört auf, es für eure eigenen Zwecke zu missbrauchen! Lasst uns das Unmögliche in Angriff nehmen: das Bauhaus nicht mehr zu vergöttern, sondern als das zu sehen, was es wirklich war.

»Das Bauhaus war eine Idee«, sagte Mies van der Rohe anlässlich des 70. Geburtstags von Walter Gropius. Ideen lassen sich nicht konservieren, aber man kann sie studieren und von ihnen lernen.